Alles im Blick: Felix Heß auf dem Tennis-Hochsitz

Wolfgang Hoesch Tennis

Kopf oder Zahl? Wer beim Münzwurf des Schiedsrichters die Wahl gewinnt, darf sich für Aufschlag oder Return entscheiden Foto: Eyecatcher Foto Design

„Als Stuhlschiedsrichter hast du den besten Platz im Stadion.“
Eigenwerbung der Deutschen Tennis Schiedsrichter Vereinigung

Stuhlschiedsrichter Felix Heß bei den Deutschen Meisterschaften in Biberach Foto: Alexander Adam

Wer als Fernsehzuschauer die Tennisstars bei großen Turnieren in Aktion sieht, für den ist es ein schon gewohntes Bild: Ein Spieler zweifelt die Entscheidung eines Linienrichters an und verlangt nach dem elektronischen Falkenauge. Diese Hawk Eye genannte Technik bildet den Ballflug exakt nach, und auch für den Schiedsrichter ist der strittige Fall damit erledigt – er muss sich auf keine weitere Diskussion einlassen.

Felix Heß dagegen ist in erster Linie auf seine eigene Sehkraft angewiesen. Seit zwei Jahren ist der Tennisspieler vom TSV Waldenbuch bei Turnieren und Verbandsspielen als Schiedsrichter unterwegs. Falken gibt es dort aber nur in freier Natur oder im Zoo. Wenn der 21jährige von seiner erhöhten Position aus den Spielverlauf überwacht, ist ein gutes Auge umso wichtiger. Das gilt in besonderem Maße bei Hallenveranstaltungen wie den Deutschen Meisterschaften in Biberach. „Beim Aufschlag wird der Ball auf 200 km/h oder noch mehr beschleunigt, und auf dem Bodenbelag in der Halle gibt es keinen Abdruck“, schildert Felix Heß einen Aspekt der anspruchsvollen Aufgabe, für die er je nach Austragungsort und Turnierkategorie vom Württembergischen Tennis-Bund (WTB), vom Deutschen Tennis-Bund (DTB) oder von der Deutschen Tennis Schiedsrichter Vereinigung  (DTSV) eingeteilt wird.

Begonnen hat alles vor einigen Jahren mit seinem Engagement als Organisator der Waldenbuch Open für Aktive. „Ich wollte das Turnier in der Hand haben“, sagt Felix Heß. Also ließ er sich zum Oberschiedsrichter ausbilden und absolvierte danach auch den Kurs für Stuhlschiedsrichter, wie der Aufpasser auf dem Hochsitz am Spielfeldrand im Tennis genannt wird. „Für diese Ausbildung muss man nicht übermäßig viel Zeit investieren“, sagt das TSV-Mitglied. Das kam ihm entgegen, denn in erster Linie kümmert er sich um sein Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Uni Hohenheim. Geschenkt bekommt man allerdings auch von den Prüfern beim Tennis nichts. „Wenn man sich nicht vorbereitet, dann schafft man es nicht“, sagt Felix Heß.

Seinen ersten Einsatz als Stuhlschiedsrichter hatte er dann 2015 in der Damen-Bundesliga bei einem Heimspiel des TEC Waldau Stuttgart. Den Platz überprüfen, die Netzhöhe und auch die Dichtigkeit des Netzes checken, den Hauptdarstellern das Matchformat erläutern (zumeist zwei Gewinnsätze, dann bei Gleichstand zum Beispiel noch ein Match-Tiebreak), per Münzwurf die Wahl-Optionen klären (Beginn mit Aufschlag oder Return), die Bälle ausgeben, die Zählkarte zur Hand haben und natürlich alle Ansagen machen – all das gehört zum Job des Stuhlschiedsrichters.

Inzwischen sind etliche weitere Stationen dazugekommen, unter anderen die Ladies Open in Hechingen und die Internationalen Württembergischen Meisterschaften beim TC Blau-Weiß Vaihingen-Rohr. Auch bei einem Turnier der International Tennis Federation (ITF) in Polen war Felix Heß schon als Schiedsrichter gefordert – und das nicht nur bei der Entscheidung, ob ein Ball noch vor der Linie oder im Aus gelandet war. „Die Ansagen muss ich immer in der Landessprache und in Englisch machen“, sagt der 21jährige – in diesem Fall mithin auch in Polnisch. Die jeweilige Landessprache geht nun nicht jedem leicht über die Lippen, und  je weiter ein Schiedsrichter rumkommt in der Tenniswelt, desto schwieriger wird es mit der Sprachkompetenz. „Da bekommt man dann einen Zettel von der ITF, auf dem alle für ein Match wichtigen Begriffe in der Landessprache aufgelistet sind“, klärt Felix Heß auf.

Wichtige Maß-nahme des Tennis-Schiedsrichters: Die Netzhöhe muss stimmen Foto: Eyecatcher Foto Design

Klare Ansagen sind wichtig, denn die Spieler erkennen schnell, ob ein Schiedsrichter unsicher ist. „Man sollte sich nicht verhaspeln“, weiß das TSV-Mitglied. Ebenso wichtig ist, dass der Mann auf dem Hochsitz rechtzeitig erkennt, „wenn sich etwas hochschaukelt“ zwischen den Spielern oder zum Beispiel zwischen einem Spieler und dem Schiedsrichter. „Dieses Momentum darf man nicht verpassen“, sagt Felix Heß über seine Aufgabe, „sonst kann sich ein bis dahin ruhiges Match sehr schnell verändern.“ Insofern ist es aus seiner Sicht „ein enormer Vorteil, wenn man als Schiedsrichter den Spieler kennt und umgekehrt. Dann weiß man meistens, wie der andere reagiert.“ Erfahrung ist deshalb auch bei seiner Tätigkeit ein wertvolles Rüstzeug.

Von der ausschließlich nationalen Ebene ist Felix Heß inzwischen aufgerückt in die internationale Schiedsrichter-Kategorie, die als White Badge gekennzeichnet ist. Darüber gibt es noch die Abstufungen Bronze, Silver und Gold Badge – letzteres besitzen weltweit etwa 30 Profi-Schiedsrichter. Ambitionen, in diese Regionen vorzustoßen, hat Felix Heß indes nicht. „Ich mache jetzt so viel, wie mir mein Studium Zeit lässt“, sagt er, „wenn man eine der nächsten Stufen schaffen will, muss man schon extrem viel Zeit investieren.“

Zeit ist auch für ihn kostbar – zumal dann, wenn er gelegentlich auch selbst noch beim TSV Waldenbuch Tennis spielen möchte. (WH)